Impfparadies Serbien

Hervorgehoben
Manuel Cornelius MittasBearbeite“Impfparadies Serbien“

Fotocredit DPA

Gastartikel von von Andrej Ivanji, Belgrad

06. Februar 2021, 05:00 Uhr

Im Umgang mit der Coronapandemie fuhr Serbien lange einen Schlingerkurs. Erst härtester Lockdown, dann komplette Öffnung. Die Zahl der Infizierten explodierte. Beim Impfen gegen Covid-19 klappt es dafür umso besser. Im Land sind Impfstoffe von gleich drei Anbietern am Start. Es reicht für alle.

Eine Spritze ist vor den Logos der Unternehmen Sanofi, Biontech, Pfizer, AstraZeneca, Curevac, Johnson & Johnson, Sanofi und GlaxoSmithKline zu sehen.

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„Kannst du nicht auch mal etwas Positives über dein Land schreiben?“ Wie oft wurde mir diese Frage von offizieller Seite gestellt, in einem Land der nimmer endenden Affären und einer zertrampelten Demokratie, in dem Kritik als mangelnder Patriotismus oder gar Verrat gedeutet wird. „Nein“, pflegte ich zu antworten, „weil ihr mir dafür keinen Anlass gebt“. Und nun endlich: eine serbische Erfolgsgeschichte! Und ich werde sie ohne Wenn und Aber erzählen.

Spitzenreiter bei der Corona-Impfung

In Zeiten, in denen die Corona-Pandemie das gesellschaftliche Leben und die Wirtschaft im größten Teil der Welt lahmgelegt hat, ist Serbien in Europa einer der Spitzenreiter beim Impfen gegen Covid-19. 500.000 der knapp sieben Millionen Einwohner meines Landes sind bereits geimpft. Jeden Tag lassen sich weitere 30.000 Menschen eine Spritze verpassen. Die Corona-Impfung ist freiwillig, rund 900.000 Menschen haben sich bisher angemeldet. Und ihre Zahl steigt täglich, auch weil sich die Geimpften ausnahmslos positiv über das Verfahren äußern.

Impfstoff-Schwedenplatte“

Während in Deutschland und der ganzen Europäischen Union panikerregender Mangel an Impfstoffen gegen das Sars-CoV-2-Virus herrscht, hat man in Serbien die Wahl zwischen Biontech-Pfizer, Sputnik V, Sinopharm, AstraZeneca und Moderna. Im Umlauf sind zwar erst die Impfstoffe aus Deutschland/USA, Russland und China. Doch man kann sich auch die anderen beiden schon buchen. Man geht davon aus, dass auch sie bald verfügbar sein werden. Politiker, die sich gerne vor laufenden Kameras impfen lassen, demonstrieren so gleich noch einmal öffentlichkeitswirksam, wo sie stehen: Prowestliche Politiker lassen sich mit der Vakzine von Biontech-Pfizer immunisieren, prorussische mit Sputnik V.Der serbische Innenminister Aleksandar Vulin lässt sich mit Sputnik V impfen.BILDRECHTE: DPA


Zur Wahrheit gehört allerdings auch, dass vor allem China dazu beigetragen hat, dass Serbien Impf-Musterknabe ist. Der chinesische Pharmahersteller Sinopharm hat 1 Million Dosen seines Impfstoffes in mein Land geliefert. Serbien pflegt bekanntlich besonders freundschaftliche Beziehungen zu Peking. Von westlichen Pharmakonzernen und den Russen kamen bislang relativ unbedeutende Impfstoffmengen.Staatspräsident Alexander Vučić (Mitte) nimmt eine Lieferung des chinesischen Impfstoffs entgegenBILDRECHTE: IMAGO IMAGES/XINHUA

Corona-Impfungen perfekt organisiert

Wer sich in Serbien impfen lassen will, meldet sich telefonisch oder per Internet mit seinen persönlichen Daten an und hat dann die Möglichkeit, sich für einen der Impfstoff zu entscheiden, was meist auf den chinesischen hinausläuft, oder seinen Wunschimpfstoff anzukreuzen. Ich hatte mich für die deutsch-amerikanische oder die russische Vakzine entschieden.

Ist so etwas in Serbien möglich!?

Am Donnerstag wurde ich geimpft – mit Sputnik V. Eine so gute Organisation habe ich in Serbien nicht für möglich gehalten. Ich ging zum Belgrader Messegelände, dessen zwei Hallen für die Massenimpfung umgebaut wurden. Zwar musste ich Schlange stehen, doch alles ging sehr flott. Von den Sicherheitsbeamten, über das Hilfspersonal, bis zu den Ärzten waren alle ausgesprochen freundlich. Das hatte ich so nicht erwartet. Die ganze Aktion dauerte nicht einmal eine halbe Stunde. Ich musste meine persönlichen Daten angeben, wurde kurz untersucht, man maß Fieber, und schon hatte ich die Spritze im Arm. Ich blieb noch zehn bis fünfzehn Minuten in einem separaten Raum sitzen, für alle Fälle, falls nach der Impfung irgendwelche Nebenwirkungen auftreten. Dann durte ich nach Hause gehen.Belgrad: Warten auf die Corona-ImpfungBILDRECHTE: IMAGO IMAGES/XINHUA

Von schon geimpften Freunden, Bekannten und Kollegen habe ich ebenfalls nur Lobesworte über die hervorragende Organisation und die ungewöhnliche Zuvorkommenheit des Personals gehört. Alle wiederholten mehr oder weniger den gleich Satz: So etwas hätten sie in Serbien bisher nicht erlebt.

Warten auf die After-Corona-Party

Mein Kollege Momir Turudić sagte lachend, alles liefe so reibungslos, als ob man in Deutschland sei. Nur dass im sprichwörtlich gut organisierten Deutschland zurzeit die Massenimpfung schleppend vorankomme.

In etwa drei Wochen erwarte ich meine zweite Impfung. Danach werde ich wieder unbekümmert in ein Restaurant oder eine Bar gehen können. Wenn in meiner Belgrader Redaktion alle geimpft worden sind, werden wir eine After-Corona-Party schmeißen. Hoffentlich schon im März.

Kroatische Schriftstellerin: Serbien rettet mein Leben

Vorrang für die Impfung haben in Serbien Menschen über 65 Jahre, Ärzte, Lehrer, Polizisten und Soldaten, aber auch Journalisten und Theatermacher. Alle, die beruflich viel mit anderen Menschen zu tun haben. Für großes Aufsehen sorgte die auch in Serbien arbeitende bekannte kroatische Schriftstellerin, Dramaturgin und Kolumnistin Vedrana Rudan. Sie ließ sich unlängst in Serbien impfen. Das Belgrader Theater Atelje 212, mit dem sie zusammenarbeitet, meldete sie für die Impfung an, so einfach ging das.

Die kompromisslos kritische Rudan war begeistert. Sie schrieb über die „Impfstoff-Schwedenplatte“ in Serbien, und wie sie jetzt in Belgrad endlich in einer Cafeteria „wie ein Mensch“ einen Kaffee trinken könne. Im EU-Staat Kroatien ist ein Lockdown in Kraft, in Serbien längst nicht mehr. In Kroatien würde die 71 Jahre alte Schriftstellerin mit chronischen Krankheiten wer weiß wie lange auf die Impfung warten müssen, weil es keinen Impfstoff gibt. In Serbien wurde sie mit der chinesischen Vakzine geimpft.

„Die Impfung betrachte ich als einen Überlebenskampf, weil ich keine Chancen hätte, das Coronavirus zu überleben. Das Angebot mich in Belgrad impfen zu lassen habe ich so verstanden – wir bieten dir das Leben an. Und ich habe das angenommen und fühle mich geehrt und glücklich“, sagte Rudan. Wenn das keine positive Geschichte ist!?

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